Der Predigttext für den heutigen Gottesdienst stammt aus dem Lukas-Evangelium und schildert ein Ereignis auf dem Weg Jesu nach Jerusalem:
„Und er lehrte in einer Synagoge am Sabbat. Und siehe, eine Frau war da, die hatte seit achtzehn Jahren einen Geist, der sie krank machte; und sie war verkrümmt und konnte sich nicht mehr aufrichtigen. Als aber Jesus sie sah, rief er sie zu sich und sprach zu ihr: Frau, sei frei von deiner Krankheit!“
Jesus tut etwas für die damalige Zeit Ungewöhnliches: Er befindet sich in einer Synagoge und er ruft eine Frau, die wie alle Frauen, sicherlich der Tradition gemäß am Rande stand, während sich die Männer um den Lehrer Jesus scharten. Er holte diese Frau in die Mitte und damit auch in seine Nachfolge.
Frauen und Männer stehen auf Augenhöhe in der Nachfolge Jesu. Das wird nicht nur mit diesem Geschehen deutlich. Der Evangelist Lukas berichtet auch von vielen anderen Frauen, von starken Frauen, die Jesus selbstverständlich genauso anspricht wie die Männer.
Das mag uns heute – zumal als evangelische Christen in Deutschland – vollkommen normal vorkommen. Frauen können heute Bischöfin, sein, Präses der EKD-Synode oder Kanzlerin werden – doch bis dahin war es für unsere Kirche und für unsere Gesellschaft ein langer Weg. Und er ist nicht zu Ende – wenn wir etwa an die Defizite in der Gleichstellung von Frauen und Männern in der Privatwirtschaft und auch in der Politik denken. Da sind noch Schwierigkeiten vorhanden, die Luther als ein „weltlich Ding“ bezeichnet hätte, an denen wir aber im Geiste Jesu arbeiten sollten.
Jesus spricht die Frau also in der Synagoge an und sieht ihr Gebrechen. Sie ist von einem „Geist der Krankheit befallen“, einem „Geist der Schwäche“ (wie auch übersetzt werden kann) und das ganz offensichtlich. Sie ist gekrümmt, sie kann sich nicht aufrichten und wir können uns vorstellen: Sie kann ihren Blick nur schwer heben und womöglich nicht einmal zu Himmel aufsehen.
Dieser Frau sagt Jesus auf den Kopf zu: „Frau sei frei von Deiner Krankheit!“ Er sagt nicht: „Frau, du bist geheilt“ oder gar „Frau, ich nehme deine Krankheit von Dir!“ Er spricht sie an und er spricht sie frei! Was geschieht weiter, nachdem Jesus die Frau anspricht?
„Als aber Jesus sie sah, rief er sie zu sich und sprach ihr: Frau, sei frei von Deiner Krankheit! Und legte die Hände auf sie; und sogleich richtete sie sich auf und pries Gott.“
Die Frau wird frei und richtet sich auf. Sie wird so frei, dass sie in der Synagoge, mitten unter den Männern etwas tut, was sonst Männern vorbehalten war: Sie preist Gott.
Die Heilung in unserem heutigen medizinischen Sinne steht bei Lukas nicht im Vordergrund. Die frohe Botschaft lautet: Du bist frei vom Geist der Krankheit und frei dazu, dich aufzurichten. Du bist frei vom Geist der Schwäche und frei dazu, vor Deinen Gott zu treten und ihn anzusprechen.
Ich weiß: Auch in unser Kirche streiten manche über Fragen der „Wunderheilung“. Die einen versuchen sie mit heutigem Wissen rational zu erklären – die anderen in bewusster Abkehr davon einfach nur zu glauben und mit dem Verweis auf Gottes unerforschliche Wege die Vernunft beiseite zu lassen. Aber: Lukas stellt das eigentliche Heilungswunder nie ins Zentrum seiner Berichte. Und das obwohl er in einer Zeit lebte, in der vieles als Wunder erschien, was wir uns heute vielleicht erklären können. Er berichtet aber nicht von „Schauwundern“ oder von „Wunderheilern als Beruf“. Er beschreibt, wie den Menschen durch Jesus eine neue Tür aufgemacht wird.
Nehmen wir also einfach wahr, wie Jesus die Frau anspricht, sie in die Mitte holt und freimacht, sie zu Freiheit ermutigt. Er befreit diese Frau, er befreit uns und gibt uns damit auch einen Auftrag.
„Zur Freiheit hat uns Christus befreit“, so steht es im Galaterbrief. Wir sind frei vor Gott mit unserem Geist und unserer Seele. Das aber nicht nur innerlich und nur für uns. Es hat Auswirkung auf unseren „Leib“, wie Luther es nannte. Man könnte heute sagen: Es hat Auswirkung auf unser Handeln. Es stellt Ansprüche an unser Tun.
Die Rede ist also „Von der Freyheith eines Christenmenschen“. So heißt der Titel einer Denkschrift Martin Luthers aus dem Jahr 1520. Das Werk Luthers gehört zu seinen bedeutendsten Schriften zur Reformationszeit. Im Mittelalter galt das Christentum als heilige Ordnung, welche jedem Menschen einen festen, von Gott vorbestimmten Platz zuordnete. Die Kirche als ganzes hatte zwar laut dem Evangelium die Freiheit, diese Ordnung im Wesentlichen nach eigenem Gutdünken festzulegen. Der einzelne Mensch aber hatte sich in diese Ordnung einzufügen. Damit wirkte Religion der individuellen irdischen Freiheit direkt entgegen und verwies lediglich auf ein jenseits besseres, gerechtfertigtes Leben bei Gott. Martin Luther setzte dieser Sichtweise radikal die Auffassung entgegen, dass der Christenmensch gerade im Hier und Jetzt frei sein müsse – nicht erst im Jenseits!
Liebe Brüder und Schwestern, was heißt das alles für uns heute?
Ich frage mich: wer ist die „verkrümmte Frau“ in meinem Freundeskreis? Wer ist jahrelang gedemütigt und getrennt von den „Normalen“? Wer sieht kein Stück vom Himmel? Und wer von uns sieht sie an, spricht sie an uns lässt sich die Kraft schenken, dieser „gekrümmten Frau“ befreiende Worte zu sagen oder etwas zu tun? Wer ermutigt in der Nachfolge Jesu zu Freiheit?
Wie „gekrümmt“ sind wir selbst? Ich meine nicht nur die Volkskrankheit „Rückenprobleme“, die oft seelischer Last entspringen und uns quälen. Ich meine auch das sprichwörtliche Rückgrat. Wie oft lassen wir uns als politisch Verantwortliche von Mehrheitsmeinungen oder Medienmechanismen krümmen und beugen?
Jesus verdeutlich uns: In Wahrheit haben wir die Wahl, denn eine neue Tür steht offen! Natürlich haben wir nicht die Wahl, die Welt von heute auf morgen aus den Angeln zu heben. Das „weltlich Ding“ hat eine große Beharrungskraft. Aber wir haben die Wahl, das Geschenk der Freiheit von Schwäche und Gekrümmtheit anzunehmen und uns auf den Weg zu machen, freiheitlich für uns und andere zu wirken.
Liebe Brüder und Schwestern,
heute ist Sonntag und heute ist der 1. Mai,
der Tag der Arbeit. Auch heute geht es um die Freiheit. Es geht um die Freiheit
von Unterdrückung und Bevormundung, bei uns und überall auf der Welt. Es geht
um eine Freiheit von Angst und Not. Es geht aber vor allem um eine
Freiheit zu einem selbstbestimmten Leben.
Es darf Christen nicht
gleichgültig sein, wenn Menschen die Ermutigung und Unterstützung zur Freiheit
fehlt! Wenn Menschen zu unrecht eingesperrt sind, wenn Herkunft, Hautfarbe,
Geschlecht oder Behinderung Menschen in ihren sozialen Verhältnissen ein Leben
lang festbindet – wenn Menschen nicht ihren eigenen freien Lebensweg beschreiten
können.
Lasst uns unsere
„Verkrümmungen“ überwinden und anderen „Verkrümmten“ helfen ihre zu überwinden.
Lassen wir uns von Jesus Christus zur Freiheit ermutigen!
Amen